Die Hinführung zur Vision

Zu vorsintflutlichen Zeiten lebten viele Volksstämme friedlich neben einander auf einem weitabgelegenen Kontinent, der rundherum vom grossen Weltmeer umspült ist. Heute - viele Zehntausende von Jahren später - nennt man sie Aborigines oder Ureinwohner von Australien.

Sie waren begegnungsfreudige, mitteilsame Menschen und sprachen, sangen und tanzten viel miteinander. Weil Künstler unter ihnen in Felshöhlen Zeichnungen malten und Figuren einritzten und wieder andere sinnreiche Choreografien und bedeutungsvolle Gesänge schufen, konnten sie sich ihr Welt- und Selbstverständnis mitteilen und auch an die Nachfahren weitergeben, ohne je Schriftzeichen entwickeln zu müssen.

Einige hundert Völker sprachen ihre eigene Sprache, sangen ihre Lieder und tanzten nach eigener Art. In wunderbarer Weise verband sie aber die Erkenntnis, dass alles zum Leben Nötige allen Menschen in gleicher Weise zusteht. So setzten sie in über 50'000 Jahren gewaltlosen friedlichen Nebeneinanderlebens ein einzigartiges, alles überragendes Sozialsymbol.

Ihre Ehrfurcht gegenüber Nacht- und Tagträumen, sowie deren Deutung und Umsetzung in den Alltag, bewahrte sie in geistiger Wachsamkeit und Offenheit. Die Seelen Verstorbener reden durch Fels- und Geländeformen zu ihnen und führen sie, auch in kargen Wüsten, auf lebenerhaltendem Wege. Es gibt Felsgebilde die allen Völkern gemeinsam waren und ihnen bis heute geheiligte Orte blieben. Diese bildeten zusammen mit der schöpferischen Kraft der Regenbogenschlange die Basis ihrer Mythologien.

Im Mai 2002 eröffneten mir Angehörige eines Volkes dieser Ureinwohner Einblick in ihr Veständnis vom Werden der Welt und ihres Daseins. Zum Abschluss wurde ich an den geheiligten Ort geführt, der den Namen Eden trägt. Im Zentrum Australiens liegt er in der Mitte eines tief eingeschnittenen Canyontales, das vor Jahrmillionen aus einem flachen Felsplateau herausgeschliffen wurde. Eden ist ein domartiges Gewölbe in  rot gefärbtem Fels und gleicht einer übergrossen Gebärmutter. Am Grunde liegt ein Weiher, auf dem die aufwärts strebenden Felswände und ein Himmelsabschnitt sich widerspiegeln. Darum sieht man in Eden den Himmel nicht nur oben, sondern auch unten.

Dort hatte ich das in Szene 1 dargestellte Visionserlebnis, das zum Schreiben des Librettos „ Hochzeit von Kana“, eine szenische Kantate zum „ Hohelied“ führte.

Arno Johannes Schocher

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